Der „gefühllose“ Deutsche und der NSU-Prozess

Die Filme „Das weiße Band“, „Unsere Mütter, unsere Väter“ und der NSU-Prozess aus integraler Sicht.

Der "gefühllose" Deutsche und der NSU-Prozess

Anlass der Betrachtung sind zwei Filme über die jüngere deutsche Geschichte und die Rolle unserer Großmütter und Großväter sowie unserer Mütter und Väter. Auf den ersten Blick sind es nur zwei Filme. „Das weiße Band“ – im Sommer 2009 in den Kinos gestartet, vielfach ausgezeichnet. „Unsere Mütter, unsere Väter“ – der TV-Dreiteiler im März 2013 im ZDF, kontrovers vom Publikum und von Historikern diskutiert. Michael Hanekes grandios gemachter Schwarz-Weiß-Film spielt in einem Dorf im protestantischen Norden Deutschlands 1913/14 am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Das Weltkriegsdrama von Produzent Nico Hofmann beschreibt dagegen die entscheidenden Jahre des 2. Weltkrieges. Beide Filme als Einheit lassen erahnen, warum Menschen von dem einen Weltkrieg in den nächsten taumeln.

Eine Folterballade geschundener Seelen

Wie gespenstische Seelen, fast lautlos bewegen sich die kleinen Hauptfiguren in „Das weiße Band“ durch den Film. Wo immer diese gefühllosen Kinder auftauchen, droht Unheil. Die wilhelminische Strenge und Gefühlskälte, mit der sie erzogen wurden, lässt sie Ihre Gefühle abspalten und verdrängen, was in der Empfindungslosigkeit mündet. Das führt zu Grausamkeit, Gefühlskälte, Neid, Stumpfsinn und Brutalität. Die christliche Religion verliert ihre Verbindung zu ihren eigenen Werten und ihrer Botschaft, einander zu lieben und so werden drakonische Strafen wie Schläge, Arrest und Nahrungsentzug zu legitimen pädagogischen Erziehungsmitteln in Familie, Kirche und Staat. Es entstehen keine von Vertrauen getragenen Bindungen, wo Kinder sich entfalten können und ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln, um zu einer reifen Persönlichkeit zu werden.
Das hat einen hohen Preis, die Erfahrung eines menschlich erfüllten und von Werten getragenen Lebens, in dem gelungene und soziale Beziehungen das Fundament einer Gesellschaft festigen. Der Zuschauer erlebt die Kinder als Täteropfer in einem Dorf des Grauens namens „Eichwald“, eine Symbiose aus den Namen des Massenmordbürokraten Eichmann und des Konzentrationslager Buchenwald.

Das Weltkriegsdrama vom Verlust der eigenen Seele

In „Unsere Mütter, unsere Väter“ erleben wir 5 junge Menschen, die ihre Sozialisation unter dem Hakenkreuz erfahren haben, deren Eltern die seelenlosen Kinder aus „Das weiße Band“ sein könnten. Eine völkisch überzeugte Generation, im Rassenwahn erzogen und bedingungslos hinter ihrem Führer stehend. Sie wird in einen Krieg der Verrohung, der Entmenschung und des Verlustes der eigenen Seele getrieben. Die Deutschen führen Krieg gegen alle anderen, aber auch gegen sich selbst. Wie schon in „Das weiße Band“ sehen wir Täteropfer. Der Film entschuldigt keine historische Schuld. (Tagesspiegel) Er zeigt, dass jeder Krieg das Schlechteste im Menschen hervorbringt. Der Verlust an Empathie, die nicht gelebten Gefühle, das emotionslose Dasein an der Front oder im zerstörten Hinterland führen zum Verlust all dessen, was den Menschen ausmacht.

Trauer, Ängstlichkeit und Gefühlsarmut

Die Folgen dieser beiden Weltkriege sind nicht nur unendliches Leid, die Zerstörung von Städten und Dörfern sowie viele Millionen Toten, sondern bei den Überlebenden ein kollektives Trauma gespeist von Trauer, Ängstlichkeit und Emotionsarmut. Wolfgang Michal spricht in der FAZ von einer seelischen Wunde, einer psychischen Verletzung, „die auf Gewaltereignisse zurückgeht, bei denen im Zustand von extremer Angst und Hilflosigkeit die Verarbeitungsmöglichkeiten des Individuums und der Gesellschaft überfordert werden.“ Noch heute sprechen „unsere Mütter, unsere Väter“ nur ungern über die erlebten Kriegsereignisse. Sie schweigen, verklären oder verdrängen. „Das Quälende kann nicht ins Bewusstsein integriert werden, weil es „subjektlos“ im Körper der Traumatisierten vagabundiert wie ein wandernder Granatsplitter im Kopf eines angeschossenen Wehrmachtssoldaten.“ (FAZ)

Die Traumatisierung wandert von Generation zu Generation

Zudem fällt es Traumatisierten aufgrund emotionaler Taubheit schwer, mit eigenen Emotionen und den Gefühlen anderer Menschen umzugehen. Ohne Emotionen ist der Mensch kein Mensch und ohne Gefühle fehlt ihm der Kompass des Lebens. Unsere Gefühle sagen uns, was für uns richtig und was falsch ist.
Jüngste wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Holocaust Forschung oder der psychoanalytischen Arbeit mit Vietnamkriegsveteranen belegen die Weitergabe einer Traumatisierung von einer Generation an die nächste. Nicht in das eigene Seelenleben integrierte elterliche Traumatisierungen (Gewalt, Gefangenschaft, Folter, Flucht, Vertreibung) führen häufig zu problematischen Mustern in der Eltern-Kind-Beziehung (Angst, Strafe, Schuldgefühl, Selbstwert-Erniedrigung, Über-Liebe) und können die kindliche Entwicklung früh beschädigen. Die Kinder sollen das nichtgelebte Leben der Eltern leben. Die Folgen sind wiederum Unterdrückung von Emotionen und Gefühlen.

Der integrale Ansatz in der Tiefenpsychologie

Der Virus der „transgenerationalen“ Traumatisierung ist bis in unsere Tage hinein erlebbar. Die große Mehrheit funktioniert in einem System der Empathielosigkeit. Das zeigt auch, dass unsere Gesellschaft in der Lage ist, kommentarlos damit umzugehen, werdende Mütter in kürzester Beratungszeit vor die Entscheidung zu stellen, sich für ein ungeborenes Kind zu entscheiden oder auch nicht. Wir haben uns wieder daran gewöhnt, zu selektieren. Nur die Besten, die Gesündesten, die Leistungsstarken spielen in diesem „Spiel“ mit. Es gibt eben mehr Arme als Reiche, es ist ebenso, dass Menschen ohne Nahrung sind, dass Kinder aus gut verdienenden Familien die besseren Bildungschancen haben. Wir wählen Volksvertreter, die die Überlebensstrategie „unserer Mütter, unserer Väter“ verkörpern: hart gegen sich selbst sein, nicht klagen, weiter machen.
Der einzige Weg, Emotion, Gefühl und Empathie zurückzugewinnen, wäre die Integration der ins Unterbewusstsein abgespaltenen Teile unserer Geschichte. Deshalb sind die beiden oben erwähnten Filme so wichtig, ebenso das Gespräch mit „unseren Müttern, unseren Vätern (soweit sie noch leben) und die verantwortungsvolle Diskussion mit unseren Kindern. Denn das ständige Wechselspiel von emotionaler Aktion und Reaktion, der gefühlvolle Umgang miteinander und das Einfühlen (Empathie) in den anderen, machen das Zusammenleben von Menschen erst möglich. Verlieren wir diese Fähigkeit, die uns emotionale Signale der anderen deuten lässt, wird es ähnliche gesellschaftliche Entwicklungen geben, wie sie der beginnende Gerichtsprozess gegen die Vertreter der rechtsextremen Gewaltszene aufzeigt. Geräuschlos konnten Menschen anderer Herkunft und Ansicht ermordet werden – unter den Augen der Staatsgewalt.

Autoren: Theresia Maria Wuttke (http://www.theresiamariawuttke.de) , Vorstandsvorsitzende der THEOS CONSULTING AG (http://theos-consulting.de)
Lutz Deckwerth (http://www.lutzdeckwerth.de) , Journalist, Medientrainer und Coach

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