Deutsche Wirtschaft fit für den demografischen Wandel?

Interessante Unterschiede zwischen den Branchen

Deutsche Wirtschaft fit für den demografischen Wandel?
Gundolf Meyer-Hentschel: „Weitgehend unvorbereitet sind viele Kliniken und Krankenhäuser.“ (Bildquelle: @Bagso – Uli Deck)

Vor rund 20 Jahren war der demografische Wandel in Deutschland ein absolutes Trendthema: Alle großen Medien berichteten. Es gab viele Veröffentlichungen, Studien, Konferenzen und mit öffentlichen Mitteln geförderte Projekte. Inzwischen ist das Thema „alternde Gesellschaft“ eines von vielen und wird eher unter den Teilaspekten Rente und Altersarmut diskutiert.

In einer aktuellen Analyse resümiert das Meyer-Hentschel (Zürich/ Saarbrücken), welche nachhaltigen Aktivitäten das Megathema der Jahrtausendwende in Wirtschaft und Politik angestoßen hat. Welche Branchen/ Unternehmen haben die Zunahme der Zahl älterer Kunden und Mitarbeiter als Chance begriffen? Welche Branchen haben den Trend verpasst oder ignoriert?

Institutsinhaber Gundolf Meyer-Hentschel, der sich seit 30 Jahren mit dem demografischen Wandel beschäftigt, fasst die Ergebnisse zusammen:

„Am schnellsten reagierten die Personalabteilungen der Unternehmen. Ein steigendes Durchschnittsalter der Belegschaft hat unmittelbare Auswirkungen auf die Produktivität. Relativ klare Reaktionen zeigen auch Unternehmen und Branchen, die kundennah agieren. Beispiele sind Einzelhandel, Nahverkehr und Hausgeräte. Sehr viel weniger Veränderungsbedarf sehen offensichtlich Unternehmen, die nicht unmittelbar vom Kunden bezahlt werden, z.B. Krankenhäuser. Schwer mit dem demografischen Wandel tun sich Unternehmen in sehr profitablen oder stark reglementierten Branchen, z.B. Pharmaunternehmen, Banken.“

Personalabteilungen aktiv

Sehr erfreuliche Entwicklungen lassen sich im Personalwesen erkennen. Fast alle großen Unternehmen haben erkannt, dass das steigende Durchschnittsalter der Belegschaften positive Seiten hat, die man nutzen kann. Frühverrentung ist kein Thema mehr. Es geht um Erhaltung der Arbeitskraft und um das produktive Miteinander von Alt und Jung. Ein Beispiel ist das Projekt YES der Daimler AG. YES steht für „Young and Experienced together Successful“ und will einen Kulturwandel im Unternehmen anstoßen. Um auch viele Menschen außerhalb des Unternehmens zu erreichen, hat man eine Ausstellung „Ey Alter“ konzipiert, die zur Zeit in Berlin installiert ist.

Was ist los mit der Gesundheitswirtschaft?

Erstaunlicherweise hat eine Branche, in welcher der demografische Wandel starke Auswirkungen hat, bis jetzt zögerlich reagiert: die Gesundheitswirtschaft.

Der Bundesgesundheitsminister steht vor einem täglich wachsenden Mangel an Altenpflegekräften, als „Pflegenotstand“ bekannt. Die Bevölkerungsprognosen, die dazu führten, sind seit 30 Jahren bekannt und amtlich. Als eine Gegenmaßnahme hat man aktuell das Ausbildungsniveau für Altenpflegekräfte gesenkt, damit mehr Kandidaten eine Chance haben, die Altenpflegeprüfung zu bestehen.

Der industrielle Teil der Gesundheitswirtschaft – die Pharma-Industrie – hat den Schritt vom Denken in Wirkstoffen und Substanzen zum ganzheitlichen Problemlöser noch vor sich. Kundenfreundliche Lösungen für alte Menschen sind noch die Ausnahme. Nach wie vor werden winzige Tabletten verblistert und sind für schwache oder unbewegliche Finger unerreichbar. Und nach wie vor ist das Teilen oder gar Vierteln von Tabletten eine mühevolle Arbeit. Das Applizieren von Augentropfen erfordert Kraft und Geschicklichkeit und Arzneimittel, deren Tropfen auf einen Löffel gezählt werden müssen, sind für zitternde Hände eine große Herausforderung.

Weitgehend unvorbereitet sind die meisten Kliniken und Krankenhäuser. Man geht davon aus, dass rund 20 % der Patienten, die wegen einer Erkrankung in eine Klinik eingewiesen werden, zusätzlich an Demenz leiden. Eine im Juli 2018 veröffentlichte Befragung von Krankenhausärzten ergibt, dass 65 % dieser Ärztinnen und Ärzte sich unsicher fühlen im Umgang mit Demenzpatienten. Darüber hinaus wird der hohe Zeitaufwand, den diese Patienten erfordern, als Problem geschildert.

Erste positive Aspekte lassen sich in der Ausbildung von Medizinern erkennen. Seit 2009 trainiert die Charite – Universitätsmedizin Berlin Medizinstudierende im Umgang mit alten Patienten. Unter anderem müssen die Studierenden mit einem Alterssimulationsanzug in die Lebenswelt älterer Menschen eintauchen, um mehr Verständnis für alte Patienten zu bekommen.

Ähnliche Trainingsprogramme wie an der Charite gibt es bei einer ganzen Reihe von Nahverkehrsunternehmen. Hier geht es um Busfahrer und Servicepersonal. Seit Jahren schult die RVM RegionalVerkehr Münsterland GmbH ihre Fahrer im geduldigen Umgang mit älteren Fahrgästen und einer „seniorenfreundlichen“ Fahrweise.

Je grösser, desto zögerlicher

Relativ zögerlich reagieren auch die großen Marken der Konsumgüterindustrie auf den demografischen Wandel. Kundenfreundliche Innovationen sind eher selten. Zwei Beispiele: Seit mehreren Jahren gibt es Schraubdeckel für Marmeladengläser, Apfelmus usw., die sich mit wenig Kraft öffnen lassen. Diese Schraubdeckel findet man inzwischen in den Niederlanden, in Großbritannien und in der Schweiz. Aber nicht in Deutschland. Ein zweites Beispiel: Eine täglich wachsende Zahl alter Menschen ist nicht in der Lage, eine Flasche Mineralwasser alleine zu öffnen. So gehört es zur Aufgabe von Familienmitgliedern, Nachbarn und ambulanten Pflegediensten, Getränkeflaschen zu öffnen. Ökonomisch betrachtet: Die Industrie verlagert Kosten in den sozialen Bereich.

Der Einzelhandel – nah am Verbraucher

Erfreulicherweise sind die Handelsunternehmen näher am Kunden als die Markenartikelindustrie. Immer mehr Eigenmarken des Handels fallen durch kundenfreundliche, praktische Verpackungen auf. Ruhezonen in Shopping-Centern und Geschäften – vor 20 Jahren aus Gründen der Flächenrentabilität undenkbar — gehören heute zur Normalität und geben dem Einkaufen ein bisschen der Freude zurück, die im alten Wort Einkaufsbummel zum Ausdruck kam.

Bedienfreundliche Hausgeräte schenken Selbständigkeit

Produkte, Verpackungen und Services, die das Leben einfacher und bequemer machen, haben in einer alternden Gesellschaft eine große volkwirtschaftliche Bedeutung. Sie ermöglichen alten Menschen, zusätzliche Jahre in Selbständigkeit zu leben und nicht auf kostenintensive Hilfe angewiesen zu sein. Eine wichtige Rolle spielen dabei Hausgeräte. Zu den kundenorientierten Unternehmen zählen die beiden Hersteller Miele und BSH (Bosch und Siemens Hausgeräte). Die BSH hat vor über 20 Jahren das Ziel formuliert, hinsichtlich „benutzerfreundlich“ die Spitzenposition in der Branche zu besetzen. In ähnlicher Weise hat Miele Design-Kriterien formuliert. An oberster Stelle steht: Hohe Gebrauchstauglichkeit durch stimmige Ergonomie. Heute zeigt sich der Erfolg dieser langfristigen Strategien: Geräte der Marken Bosch, Miele und Siemens belegen in Tests der Stiftung Warentest regelmässig die Spitzenplätze beim Kriterium „Handhabung“.

Banken – keine Ideen für alte Kunden?

Besonders schwer mit dem demografischen Wandel tut sich die Finanzbranche. Bereits vor über 30 Jahren – 1985 – hatten die Dachorganisationen der Sparkassen und der Kreditgenossenschaften die Herausforderungen einer alternden Kundschaft erkannt und thematisiert.

Bis heute hat die Branche allerdings keine stimmigen und erfolgversprechenden Konzepte für ältere Kunden entwickelt. Man verlässt sich eher stillschweigend auf die im Alter zunehmende Institutstreue und ist bis heute offensichtlich nicht schlecht gefahren mit dem Nichtstun. Ob diese Untätigkeit auch von der jetzt ins Rentenalter kommenden Babyboomer-Generation akzeptiert wird, werden die nächsten 10 Jahre zeigen.
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Das Meyer-Hentschel Institut, Zürich/ Saarbrücken, beschäftigt sich mit langfristigen Trends, die grundlegende Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft haben. Seit 1985 ist der demografische Wandel ein Schwerpunktthema des Instituts.

Gründer des Unternehmens ist Dr. Gundolf Meyer-Hentschel. Der Verhaltenswissenschaftler gilt als Experte für das Verhalten älterer Menschen und ist Erfinder des AgeExplorer Alterssimulationsanzugs.

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