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Schokolade fürs Schäferstündchen?

Schokolade fürs Schäferstündchen | Symbolbild KI-generiert © 2026 EMH AG JS by Flux

Es gibt Produkte, bei denen man sich fragt, ob sie aus der Süßwarenabteilung stammen oder aus einer sehr schlecht beaufsichtigten Apotheke. Schokolade mit dem Versprechen auf mehr Schwung im Liebesleben klingt zunächst nach Marketing mit Herzchen, Kakao und reichlich Fremdscham. Wenn darin jedoch ein verschreibungspflichtiger Wirkstoff steckt, der nicht auf der Zutatenliste steht, ist die Romantik ungefähr so spontan wie ein behördlicher Rückruf.

Genau vor solchen Produkten wird derzeit gewarnt. In einer offiziellen Lebensmittelwarnung wird unter anderem die Schokolade „evelle HILTI Bitter Chocolate Man“ genannt; als Grund der Warnung wird der nicht deklarierte Stoff Sildenafil angegeben.1Lebensmittelwarnung.deOffizielle Warnmeldung zu „evelle HILTI Bitter Chocolate Man“ mit Hinweis auf nicht deklarierten Sildenafil. Damit ist aus der Tafel fürs Schäferstündchen ein Fall für den Verbraucherschutz geworden: außen Schokolade, innen Arzneimittel-Überraschung, und das Ganze bitte nicht mit Kindergeburtstag verwechseln.

Wenn Amor einen Beipackzettel braucht

Die Vermarktung solcher Produkte spielt mit einem alten Versprechen: mehr Lust, mehr Kraft, mehr Ausdauer, möglichst ohne Arztgespräch, ohne Rezept und offenbar auch ohne vollständige Deklaration. Satirisch betrachtet ist das die Wellness-Version des russischen Roulettes: Man bestellt sich ein bisschen Erotik-Flair und bekommt im Zweifel pharmakologische Nebengeräusche dazu.

Die Verbraucherzentrale verweist in ihrer Übersicht aktueller Warnungen ebenfalls auf mehrere Schokoladenprodukte, bei denen Sildenafil gefunden wurde, darunter „Ginseng 48 hours Gold Chocolate“ und „evelle HILTI Bitter Energy Chocolate Special For Women“.2VerbraucherzentraleÜbersicht aktueller Verbraucherwarnungen mit Verweis auf mehrere Schokoladenprodukte mit Sildenafil-Bezug. Dass ausgerechnet Schokolade zur diskreten Arzneimittel-Fähre wird, ist dabei weniger pikant als gefährlich. Denn ein Wirkstoff, der normalerweise ärztlich begleitet werden sollte, gehört nicht heimlich in eine Süßigkeit.

Der kleine Unterschied zwischen Praline und Pille

Der Witz an der Sache ist leider keiner. Sildenafil ist kein Gewürz, kein exotischer Pflanzenextrakt und keine mutige neue Kakaonote. Wer ein Lebensmittel kauft, darf erwarten, dass die entscheidenden Inhaltsstoffe auf der Verpackung stehen. Wenn das nicht der Fall ist, wird aus Genuss Verbrauchertäuschungspotenzial – und aus dem romantischen Abend ein medizinisches Fragezeichen.

Das Problem ist größer als eine einzelne Tafel. Ein Positionspapier des Verbraucherzentrale Bundesverbands beschreibt pharmakologisch aktive Stoffe wie Sildenafil als Beispiel für kritische Substanzen, die in Produkten aus dem Umfeld von Nahrungsergänzungsmitteln auftreten können.3vzbv-PositionspapierReport zur Regulierung von Nahrungsergänzungsmitteln und zu Risiken durch pharmakologisch aktive Stoffe wie Sildenafil. Der Markt für vermeintlich natürliche Leistungsversprechen lebt von der Sehnsucht nach Abkürzungen. Nur endet die Abkürzung hier nicht zwingend im Schlafzimmer, sondern möglicherweise beim Arzt.

Online gekauft, offline entsorgt

Nach den vorliegenden Berichten wurden die betroffenen Produkte online vertrieben. Die Berliner Zeitung berichtet zudem, dass Amazon die Produkte aus dem Sortiment genommen habe und der auf der Verpackung genannte Hersteller nach aktuellem Stand wohl nicht mehr existiere.4Berliner ZeitungNachrichtenquelle zum Fall mit Angaben zu Online-Vertrieb, Marktreaktion und Herstellerhinweis. Satirisch könnte man sagen: Der Hersteller hat sich schneller verflüchtigt als die Seriosität des Produktversprechens. Sachlich bleibt: Für Verbraucher ist ein nicht greifbarer Hersteller ein zusätzliches Problem, weil Verantwortlichkeit, Rückfragen und Rückabwicklung schwerer werden.

Die Pointe des Falls liegt also nicht darin, dass jemand Schokolade mit erotischem Werbeversprechen verkauft. Die Pointe liegt darin, dass offenbar manche Anbieter glauben, ein Arzneiwirkstoff werde harmloser, wenn man ihn in Kakao einrührt. Das ist ungefähr so überzeugend wie ein Airbag aus Zuckerwatte.

Verbraucherschutz statt Pralinenromantik

Die Verbraucherzentrale ordnet Sildenafil und Tadalafil in angeblich potenzsteigernden Produkten als problematische, illegal verwendete Arzneistoffe ein und warnt besonders vor vermeintlich natürlichen Angeboten aus dem Internet.5VerbraucherzentraleExpertise zu illegal verwendetem Sildenafil und Tadalafil in als natürlich vermarkteten Potenzprodukten. Das ist der nüchterne Kern hinter der süßlichen Verpackung: Nicht alles, was als Lifestyleprodukt daherkommt, ist auch ein harmloser Lifestyleartikel.

Wer eine der genannten Tafeln besitzt, sollte sie nicht verzehren und gemäß behördlicher Empfehlung sicher entsorgen. Für romantische Abende bleiben damit immer noch Gespräch, Vertrauen und gewöhnliche Schokolade. Die haben einen entscheidenden Vorteil: Sie brauchen keinen versteckten Wirkstoff, keinen Rückruf und keinen Verbraucherschutzalarm, um zu wirken.

 

Pressekontakt:

Europe Media House AG
Redaktion Verbraucherschutz
Bahnhofstrasse 19
9100 CH-Herisau
E-Mail: info(at)emhmail.ch
Internet: www.europe-media-house.com

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